Geschichte der Berliner Kinderläden
Die ersten Kinderläden entstanden Ende der Sechzigerjahre als Teil der 68er-Bewegung und der Studentenrevolte. Der erste Kinderladen in West-Berlin öffnete in einem ehemaligen Gemüseladen in der Kopfstraße 1 in Neukölln. In vielen dieser leer stehenden Ladenlokale entstand eine pädagogische Bewegung mit einer klaren gesellschaftlichen Vision: Um eine Wiederholung des Nationalsozialismus für immer auszuschließen, mussten Kinder zu mündigen, kritischen und unfolgsamen Individuen erzogen werden. Gerade in einer Zeit, in der demokratische Werte wieder verstärkt unter Druck geraten, besitzt dieser Ansatz eine besondere Aktualität.
Aktuell werden rund 30.000 bis 34.000 Kinder in über 1.000 Einrichtungen betreut, wodurch Kinderläden fast ein Drittel der gesamten Berliner Kita-Landschaft bilden. Sie zeichnen sich durch eine demokratische Kultur der Mitbestimmung, flache Hierarchien, kleine Gruppen, viele Fachkräfte und eine enge Einbindung der Eltern in den pädagogischen Alltag aus. Jeder Kinderladen ist individuell. Gerade diese Vielfalt macht Kinderläden zu einem besonderen und prägenden Bestandteil des Berliner Stadtbildes.
Über uns
Unsere Einrichtung besteht seit 1984. Seit 2006 befindet sich unser Kinderladen in der Cuvrystraße 39 im Berliner Wrangelkiez. Wir betreuen bis zu 25 Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren. Unser Team besteht aus fünf pädagogischen Fachkräften, einer Bundesfreiwilligen sowie einer Köchin, die täglich frische vegetarische Mahlzeiten zubereitet.
Unser Kinderladen hat sich von der Reggio-Pädagogik inspirieren lassen. Die Reggio-Pädagogik entstand nach dem Zweiten Weltkrieg in Norditalien aus einer antifaschistischen kommunalen Bürgerbewegung heraus. Sie ist ein ganzheitliches Bildungskonzept, bei dem das Kind im Mittelpunkt steht. Kinder werden als eifrige, selbstständige Forscher*innen betrachtet, die Entscheidungen aktiv mitgestalten. Pädagog*innen agieren dabei nicht als allwissende Lehrkräfte, sondern als respektvolle Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, die die individuellen Interessen und den natürlichen Entdeckerdrang der Kinder fördern. Der Grundgedanke der Reggio-Pädagogik und der Kinderladenbewegung liegen somit sehr eng beieinander.
Die Säulen der Reggio-Pädagogik bilden folgende Aspekte:
- ein positives Bild vom Kind
- den Raum als dritten Erzieher
- die "100 Sprachen der Kinder" (ein Kind drückt sich nicht nur durch Sprache aus, sondern auf unzählige kreative Weisen, wie Kunst oder Tanz)
- Projektarbeit
- Dokumentation
- Erziehungspartnerschaft
Unser Kinderladen ist auch Teil eines Bildungsnetzwerks hier im Kiez. Ziel dieses Netzwerks ist es, Bildungsangebote aufeinander abzustimmen, den Übergang zwischen verschiedenen Lebens- und Lernphasen zu erleichtern und lokale Bildungsangebote nachhaltig zu stärken.
Ebenfalls besteht seit vielen Jahren ein Kinderladen-Netzwerk. Wir setzen uns gesellschaftlich und politisch für bessere Rahmenbedingungen in der frühkindlichen Bildung sowie für die Interessen von Kindern und Eltern ein. Wir tauschen uns zu Themen wie Inklusion, Sprachförderung und naturwissenschaftlicher Bildung aus und organisieren gemeinsame Aktivitäten, beispielsweise ein Stadtteilfest. Wir unterstützen uns unter anderem auch bei Kündigungen und organisieren Protestveranstaltungen. Im Jahr 2024 hat dieses Netzwerk den zweiten Platz beim Deutschen Kita-Preis gewonnen.
Stadtteilarbeit und die Reggio-Pädagogik sind eng miteinander verwoben, da beide Ansätze den Sozialraum als aktiven Bildungs- und Lebensort verstehen. Bildung darf nicht nur isoliert in einer Institution statt nden, sondern muss in einem lokalen Umfeld verwurzelt sein. Der Gedanke des sogenannten "dritten Erziehers" beschränkt sich daher nicht nur auf den Kinderladen, sondern bezieht das gesamte nähere Umfeld mit ein.
Projektarbeit
Projektarbeit ist eine intensive und meist längerfristige Auseinandersetzung mit einem bestimmten Thema. Im Mittelpunkt stehen dabei die Interessen, Fragen und die Lebenswelt der Kinder. Pädagog*innen sowie Kinder erforschen die Themen gemeinsam, wobei nicht das fertige Ergebnis, sondern der gemeinsame Lernprozess im Vordergrund steht. Durch vielfältige Zugänge wie Bücher, Bewegung, Rollenspiele oder Experimente werden die Kinder in allen Bildungsbereichen gefördert – unter anderem in den Bereichen Sprache, Motorik, soziales Lernen, Kunst und Naturwissenschaften. Eine vorbereitete Umgebung sowie vielfältige Materialien regen die Kinder zu selbstständigem Denken und Handeln an. Im Mittelpunkt steht ein erlebnisorientiertes Lernen durch Erforschen, Entdecken, Erfahren, Experimentieren, Ausprobieren, Versuchen, Erfinden, Gestalten, Strukturieren, Begreifen, Erkennen, Differenzieren, Überprüfen und Vergleichen. Selbstständigkeit und Selbstvertrauen entwickeln die Kinder, indem sie eigene Lösungswege finden und Verantwortung für ihr Handeln übernehmen. Durch gemeinsame Entscheidungen, beispielsweise in Kinderkonferenzen, erfahren sie Selbstwirksamkeit, Mitbestimmung und Teamfähigkeit. So lernen sie, demokratisch zu handeln und innerhalb einer Gemeinschaft zu agieren. Kinder wie Erwachsene bringen ihre eigenen Ideen ein, dürfen unterschiedliche Wege gehen und jederzeit Fragen stellen. Dabei begegnen sich alle Beteiligten mit Offenheit, Wertschätzung und gegenseitigem Verständnis. Das individuelle Lerntempo wird respektiert und berücksichtigt.
Zu den bisherigen Projekten gehörten unter anderem die Themen Erde, Berlin, Farben, die vier Elemente, Vielfalt, Körper und Gefühle, Architektur, Zeitreise sowie das Bauhaus.
Raum (-gestaltung/ Ästhetik)
Nach dem Verständnis der Reggio-Pädagogik sind die Kinder selbst die ersten Erzieher*innen, da sie ihre Entwicklung aktiv mitgestalten. Das soziale Umfeld - insbesondere die Familie und die pädagogischen Fachkräfte - bildet den zweiten Erzieher. Der Raum ergänzt dieses Zusammenspiel als dritter Erzieher, indem er vielfältige Anregungen schafft. Er lädt zum Forschen, Entdecken und kreativen Handeln ein und unterstützt selbstständiges Lernen. Aus diesem Grund orientiert sich auch die Gestaltung unserer Räumlichkeiten an den Grundsätzen der Reggio-Pädagogik.
Eine gute Raumgestaltung ist außerdem grundlegend für die ästhetische Bildung. Wie Kinder Räume wahrnehmen, hat einen maßgeblichen Einfluss auf ihr Lernverhalten. Eine liebevolle und anregende Gestaltung steigert das Wohlbefinden und die Lernmotivation. Überschaubare, klare Raumstrukturen sowie weiße Wände erleichtern die Orientierung. Unsere Einrichtung ist deshalb in unterschiedliche Funktionsbereiche gegliedert:
Das Atelier befindet sich zentral im Gruppenraum. Es ist einen Ort, an dem verschiedene Materialien gesammelt und geordnet werden und zum Erforschen und Entdecken einladen. Hierbei geht es um viel mehr als reine Bastelmaterialien. Auch Fundstücke von Spaziergängen werden dort aufbewahrt und in Gläsern präsentiert. So spiegelt sich die notwendige Balance zwischen Reizvielfalt und Strukturiertheit wider. Eine Staffelei ist ein wertvoller Bestandteil eines jeden Ateliers und gibt den Kindern die Möglichkeit, nass oder trocken zu malen. An dem großen Tisch sowie an der Staffelei können die Kinder jederzeit frei gestalten.
Die Kinderküche dient dem Rollenspiel, ebenso wie die Verkleidungsecke. Die Bauecke mit ihren vielfältigen Materialien lädt zu Konstruktionsspielen ein. Außerdem haben die Kinder die Möglichkeit, in der Forscherecke zu experimentieren. Wenn sie Ruhe benötigen, können sie sich in die Bücherecke oder den Ruheraum zurückziehen.
Zu den Gegenständen, die unsere Kinder in der Einrichtung vorfinden und die sie zum experimentellen und gestalterischen Handeln anregen, gehören unter anderem optische Geräte, Materialien zum Messen und Untersuchen, eine Wasserrinne und ein Wassertisch, Requisiten für das darstellende Spiel, Leinwände und Lampen für Schattenspiele sowie ein Podest, das als Bühne oder zum Bauen genutzt werden kann. Darüber hinaus stehen Instrumente zum Musizieren und eine eigene Kinderbibliothek zur Verfügung.
Diese vielfältigen Materialien und Medien sowie die verschiedenen Funktionsbereiche – insbesondere das Atelier – werden auch im Rahmen unserer Projektarbeit genutzt.
Unser Kinderrestaurant besteht aus vier Tischen, die wie kleine Nischen angeordnet sind. Ein Tisch ist speziell für die U3-Kinder vorgesehen. Die Altersmischung an den Tischen ist ausgewogen, sodass jüngere und ältere Kinder sich gegenseitig unterstützen können. Wir legen Wert darauf, unsere Mahlzeiten gemeinsam einzunehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Unser Garten ist ein weiterer wichtiger Bildungsraum, der das ganze Jahr über genutzt wird. Ähnlich wie unsere Innenräume ist auch er in verschiedene Bereiche gegliedert: einen Kreativbereich, ein Podest zum Ausruhen und für Rollenspiele, einen Sandkasten sowie eine Wasserrinne zum Bauen, Konstruieren und Experimentieren, einen Pflanzentunnel zum Verstecken und einen Barfußpfad zur Anregung der Sinne. Darüber hinaus finden die Kinder vielfältige Spiel-, Bewegungs- und Entdeckungsmöglichkeiten, unter anderem mit den flexibel aufbaubaren Bewegungsgeräten nach Hengstenberg. In Pflanzkästen und einem Gemüsegarten werden Färberpflanzen sowie Obst und Gemüse angebaut, deren Wachstum die Kinder beobachten und deren Ernte sie begleiten können. Außerdem nutzen wir unseren Garten für Feste und gemeinschaftliche Aktivitäten. Der Garten bietet somit eine Vielzahl an Möglichkeiten zum Entdecken, Forschen und Experimentieren – jederzeit und für Kinder jeden Alters, auch für die Jüngsten.
Kinder eignen sich ihre Umwelt an, indem sie handelnd in ihr tätig werden und alles ausprobieren, was ihre Neugier weckt. Deshalb sind Orte und Räume wichtig, die Gelegenheiten für eigene Entdeckungen, Gestaltungen und Erfahrungen bieten. Anregende Umgebungen und bereichernde Erfahrungen fördern das kindliche Entwicklungspotenzial. Sie ermöglichen es den Kindern, grundlegende körperliche und psychische Bedürfnisse zu erfüllen und gleichzeitig Selbstwirksamkeit in der Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt zu erleben. Der Gedanke des Raums als dritter Erzieher beschränkt sich dabei jedoch nicht ausschließlich auf die Räume des Kinderladens. Auch die Straße, der Stadtteil und die Nachbarschaft verstehen wir als Bildungs- und Lebensräume, in denen Kinder vielfältige Erfahrungen sammeln und ihre Umwelt aktiv erkunden können.
Kunst
Bildnerisches Gestalten und kulturelle Bildung gehören zu den Schwerpunkten unserer Einrichtung. Kultur umfasst im weitesten Sinne alles, was Menschen selbst gestaltend hervorbringen. Beim bildnerischen Gestalten können die Kinder selbstständig tätig werden. Konzentriert, mit viel Eigeninitiative und Kreativität experimentieren sie nach Herzenslust, sammeln eigene Erfahrungen und entwickeln individuelle Ausdrucksformen, ohne dabei ausschließlich auf ein fertiges Ergebnis ausgerichtet zu sein. Der kreative Prozess steht dabei im Vordergrund.
Unser Kinderatelier ist ein eigens nach den Grundsätzen der Atelierpädagogik gestalteter Ort. Hier werden den Kindern vielfältige Bildungsmöglichkeiten angeboten, die ihrem Entwicklungsstand entsprechen und sich am Berliner Bildungsprogramm orientieren. Das Atelier verfügt über ein ausgewogenes Materialangebot, großzügige Freiflächen und eine inspirierende künstlerische Atmosphäre. Staffeleien, Ausstellungsflächen, Kunstwerke, Bücher, Bildbände und künstlerische Objekte laden die Kinder zum Entdecken und kreativen Arbeiten ein. Ihnen steht eine große Auswahl an Gestaltungsmaterialien wie Farben, Ton, Pigmenten, Kreide und Färberpflanzen zur Verfügung, die auf vielfältige Weise eingesetzt werden können.
Auch kunstgeschichtliche Inhalte fließen in unsere Projekte ein. Die Kinder lernen verschiedene Kunstrichtungen, architektonische Epochen sowie ausgewählte Werke und Lebensgeschichten bedeutender Künstlerinnen und Künstler kennen. Dadurch erhalten sie vielfältige Anregungen für ihr eigenes kreatives Schaffen.
Eine Mitarbeiterin mit der Zusatzqualifikation als Facherzieherin für kulturelle Bildung betreut das offene Atelier, begleitet die Kinder in ihren kreativen Prozessen und unterstützt sie bei Projekten. Darüber hinaus bemühen wir uns, einmal jährlich eine externe Künstlerin oder einen externen Künstler für ein gemeinsames Projekt zu gewinnen. Außerdem arbeiten wir regelmäßig mit dem KinderKünsteZentrum zusammen.
Ausflüge
Wir unternehmen regelmäßig altersgerechte Ausflüge, beispielsweise zu verschiedenen Spielplätzen, auf den Kinderbauernhof, in den Wald sowie in Museen, Theater und Ausstellungen. Kulturelle Ausflüge bereichern unsere pädagogische Arbeit und dienen den Kindern als wertvolle Inspirationsquelle. Kunst kann Emotionen wecken, neue Perspektiven erö nen und Impulse für kreatives Denken geben. Gleichzeitig ermöglichen Ausstellungen, Theaterbesuche oder Museumsführungen einen anschaulichen und nachhaltigen Zugang zu den Themen unserer Projekte. Sie eröffnen den Kindern die vielfältige und faszinierende Welt von Kunst und Kultur. Kulturelle Erfahrungen stärken das Selbstbewusstsein, regen die Fantasie an und unterstützen die Kinder dabei, ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten zu entdecken.
Ausflüge in die Natur sind ein wichtiger Bestandteil unseres pädagogischen Alltags. Dort können die Kinder ihre motorischen Fähigkeiten und ihre Geschicklichkeit weiterentwickeln, ihrer Fantasie freien Lauf lassen und ihren natürlichen Forschungsdrang ausleben. Sie sammeln vielfältige sinnliche Erfahrungen, denn Kinder müssen Dinge sehen, berühren und selbst erfahren, bevor sie Erklärungen nachhaltig verstehen und verarbeiten können.
Die Auseinandersetzung mit neuen Umgebungen hilft den Kindern, ihre eigenen Stärken und Herausforderungen kennenzulernen. Dies fordert sie heraus, Grenzsituationen zu erleben und zu bewältigen.
Freies Spiel
Kinder entdecken die Welt spielerisch. Dabei trainieren sie wichtige geistige, körperliche und soziale Fähigkeiten. Sie setzen sich über das Spiel mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinander. Spielen bedeutet für Kinder Lernen und ist deshalb für ihre Entwicklung von außerordentlicher Bedeutung. Deshalb scha en wir ein Umfeld, sowie eine anregende Umgebung mit vielfältigen Materialien, die zum Entdecken, Experimentieren, Konstruieren und kreativen Gestalten einladen.
Ruhen und Schlafen
Wir geben in unserer Einrichtung jedem Kind die Möglichkeit, zu lernen, seine Bedürfnisse nach Ruhe und Entspannung wahrzunehmen und entsprechend selbst über Zeit, Dauer und Ort der Ruhe zu entscheiden. Deshalb wecken wir auch keine Kinder vorzeitig auf, sondern lassen sie immer bis zu ihrem natürlichen Erwachen schlafen. Den Kindern, die schlafen möchten, steht ein Schlafraum zur Verfügung. DieSchlafenszeit beginnt spätestens um 13 Uhr. Jedes Kind hat seine eigene Matratze, sein eigenes Kissen und seine eigene Decke. Außerdem gibt es für jedes Kind ein Fach, in dem das Kuscheltier, der Schnuller etc. aufbewahrt werden. Zwei pädagogische Fachkräfte begleiten die Kinder in den Schlafraum. Dort wird ihnen eine Geschichte vorgelesen oder etwas vorgesungen.
Kinder, die nicht schlafen, können entscheiden, ob sie beispielsweise in den Garten gehen oder sich bei einer CD oder einem Buch entspannen möchten.
Inklusion
Inklusion bedeutet für uns, jedes Kind in seiner individuellen Lebenssituation, mit seinen persönlichen Voraussetzungen und seinen eigenen Fähigkeiten wahrzunehmen, wertzuschätzen und ernst zu nehmen. Die gemeinsame Betreuung, Bildung und Förderung aller Kinder ist ein selbstverständlicher Bestandteil unseres Kinderladenalltags. Zwei Pädagog*innen unserer Einrichtung verfügen über die Zusatzqualifikation zur Fachkraft für Integration. Mit ihrem fachlichen Wissen und ihrer methodischen Kompetenz unterstützen und begleiten sie das Team insbesondere bei der Beobachtung und Dokumentation der Lern- und Entwicklungsprozesse. Die sozialpädagogische Förderung von Kindern mit besonderem Unterstützungsbedarf verstehen wir jedoch nicht als Aufgabe einer einzelnen Integrationsfachkraft. Vielmehr sehen wir es als gemeinsame Verantwortung des gesamten pädagogischen Teams, allen Kindern eine gleichberechtigte Teilhabe am Kinderladenalltag zu ermöglichen.
Partizipation
Partizipation ist ein wichtiger Bestandteil unserer pädagogischen Arbeit. Dabei orientieren wir uns am Leitsatz Maria Montessoris: "Hilf mir, es selbst zu tun." Kinder erleben bei uns, dass ihre Meinungen ernst genommen werden und sie ihren Alltag aktiv mitgestalten können. Regelmäßige Kinderkonferenzen schaffen Raum für Mitbestimmung und fördern demokratisches Handeln. Gleichzeitig begleiten wir die Kinder dabei, Konflikte respektvoll zu lösen, Verantwortung füreinander zu übernehmen und sich gegenseitig zu unterstützen. Dabei haben wir jedes Kind einzeln im Blick und fördern es individuell. Bei uns werden allerdings nicht einzelne Aktionen in den Vordergrund gestellt, sondern das Ergebnis der Gruppe.
Altersmischung
In unserer Einrichtung lernen und spielen Kinder unterschiedlichen Alters gemeinsam in einer altersgemischten Gruppe. Diese Form des Miteinanders orientiert sich an einer familienähnlichen Struktur und bietet vielfältige Möglichkeiten, soziale Kompetenzen zu entwickeln. Jüngere Kinder profitieren von den Erfahrungen der Älteren, während ältere Kinder Verantwortung übernehmen, Rücksichtnahme üben und ihr Wissen weitergeben. So entstehen Lernprozesse, die von gegenseitigem Respekt, Hilfsbereitschaft und gemeinsamer Entwicklung geprägt sind.
Dokumentation
Wir nehmen uns viel Zeit, unsere Projekte für die Kinder zu dokumentieren. Wir notieren stets Abläufe, kleine Begebenheiten, Experimente und den „Kindermund“. Außerdem werden viele Fotos gemacht. Aus dieser Sammlung entsteht anschließend ein Projektbuch. So haben die Kinder die Möglichkeit, das Projekt noch einmal zu reflektieren bzw. sich Vergessenes wieder in Erinnerung zu rufen. Für die Eltern macht dieses Buch unsere Arbeit transparent.
Die Eingewöhnungszeit jedes Kindes wird ebenfalls ausführlich in einem persönlichen Buch dokumentiert. Die Kinder können so noch Jahre später über ihre Zeit im Kinderladen nachlesen, und die Eltern können nachvollziehen, wie die ersten Tage ohne sie im Kinderladen verliefen.
Des Weiteren dokumentieren wir Feste, Ausflüge, Geburtstage, den Speiseplan, den Schichtplan sowie das tägliche Geschehen und stellen diese Informationen für alle sichtbar in der Garderobe aus. So erhalten die Eltern einen Einblick in unsere Arbeit und werden über alle wichtigen Ereignisse informiert.
Lerngeschichten
Margaret Carr von der Waikato-Universität in Neuseeland entwickelte Ende der 1990er Jahre die „Learning Stories“. Bei diesem pädagogischen Ansatz stehen die individuellen Lernprozesse von Kindern im Mittelpunkt. Ziel ist es, die Bildungs- und Lernwege der Kinder zu verstehen, sie zu unterstützen und ihnen schrittweise eine immer differenziertere Partizipation zu ermöglichen.
Die Arbeit mit den Bildungs- und Lerngeschichten umfasst die Bereiche Beobachten, Analysieren und Austauschen, Dokumentieren sowie die pädagogische Planung für das Kind.
Wir beobachten die Kinder zehn Minuten lang und halten unsere Beobachtungen schriftlich fest. Dieses Material wird anschließend analysiert. Danach tauschen wir uns mit den Kolleg*innen sowie den Eltern darüber aus und planen die weiteren pädagogischen Schritte. Die Lerngeschichten werden für die Kinder in ihren persönlichen Büchern festgehalten und können jederzeit eingesehen werden.
Eingewöhnungszeit
Der Übergang aus der Familie in die noch unbekannte Welt des Kinderladens bedeutet für jedes Kind eine große Herausforderung. Deshalb ist eine behutsame Eingewöhnung im ständigen Austausch und in enger Absprache mit der Familie besonders wichtig. Wir orientieren uns dabei am Berliner Eingewöhnungsmodell. So wird dem Kind ermöglicht, sich langsam an den Kinderladen und die Gruppe zu gewöhnen. Um eventuellen Schwierigkeiten in der Anfangszeit vorzubeugen, erwarten wir von den Familien, dass sie ihre Kinder in den ersten Tagen bzw. Wochen begleiten. Daher ist zu Beginn immer ein Elternteil anwesend. Anschließend erfolgt in Absprache der erste Trennungsversuch für etwa 10 bis 20 Minuten. Die Dauer der Trennung wird dann schrittweise Woche für Woche verlängert. Ein Kind gilt als eingewöhnt, wenn es sich ohne seine Eltern im Kinderladen mit den Erzieherinnen und den anderen Kindern wohlfühlt. Ziel ist es, dass sich das Kind von seiner Bezugserzieherin trösten lässt und sich auf das gemeinsame Spiel mit den anderen Kindern einlassen kann.
Windelfrei/ Ausscheidungsautonomie
Der Entwicklungsprozess bis zum eigenständigen Toilettengang ist keine Frage der Erziehung, sondern ein normaler Entwicklungsschritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Windelfrei zu werden ist ebenso das Ergebnis der körperlichen und geistigen Entwicklung wie das Erlernen des Laufens und des Sprechens. Das Kind muss diesen Schritt selbst wollen und sich dazu entschließen, den Topf oder die Toilette zu benutzen, anstatt weiterhin in die Windel zu machen. Früher oder später – vorausgesetzt, es findet kein Sauberkeitstraining statt und es wird kein Druck ausgeübt – trifft das Kind diese Entscheidung, meist im Alter von etwa drei Jahren, häufig von einem Tag auf den anderen. Erst in diesem Alter kann das Kind seinen Schließmuskel bewusst und selbstständig kontrollieren. Es bemerkt, wann es „muss“, und kann den Toilettengang so lange hinauszögern, bis es die Toilette erreicht hat. Deshalb findet in unserer Einrichtung kein „Sauberkeitstraining“ statt.
Krank sein
In der Vergangenheit hatten wir häufig das Problem, dass kranke bzw. nicht vollständig auskurierte Kinder den Kinderladen besuchten. Wir wünschen uns von den Eltern Eigenverantwortung. Sie sollen sorgfältig abwägen, ob ihr Kind bereits wieder in der Lage ist, einen Kinderladentag, der sehr anstrengend sein kann, zu bewältigen, oder ob es besser ist, sich noch zu Hause auszuruhen. Außerdem besteht die Gefahr, andere Kinder oder pädagogische Fachkräfte anzustecken.
Bei einem Themenelternabend wurde vereinbart, dass Kinder drei Tage Fieberfrei sein müssen, bevor sie wieder in den Kinderladen kommen. Nach einem Magen-Darm-Infekt sollen die Kinder mindestens zwei Tage symptomfrei sein, damit sie sich ausreichend erholen und entsprechende Kost erhalten können. Bei stark ansteckenden bzw. meldepflichtigen Krankheiten ist ein ärztliches Attest erforderlich.
Teamarbeit
Demokratische Teilhabe
Wöchentliche Dienstbesprechungen dienen dem Austausch von Informationen und bieten Raum für demokratische Entscheidungsprozesse. Dabei besprechen wir beispielsweise Beobachtungen der Kinder sowie die Analysen der Lerngeschichten. Außerdem planen wir Fortbildungen und Projekte, verteilen Aufgaben im Team und begleiten Praktikant*innen sowie Bundesfreiwillige.
Qualitätsentwicklung und -sicherung
Eine interne Evaluation zum Berliner Bildungsprogramm findet bei uns in regelmäßigen Abständen statt. Sie ist eine Maßnahme zur Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen und dient der Reflexion unserer pädagogischen Arbeit. Dabei suchen wir kontinuierlich nach Wegen und Möglichkeiten, unsere Qualität weiterzuentwickeln und zu verbessern. Die externe Evaluation findet alle fünf Jahre statt. Sie wird bei uns von einer Fachkraft von EKTIMO (anerkannter Anbieter für externe Evaluation der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft) begleitet.
Elternkommunikation
In der Bring- und Abholsituation finden wir meist Zeit für einen kurzen Austausch wichtiger Informationen. Haben wir jedoch den Eindruck, dass mehr Zeit und Ruhe benötigt werden, vereinbaren wir einen gesonderten Gesprächstermin.
Einmal im Jahr laden wir die Eltern zu einem Entwicklungsgespräch über die wichtigsten Entwicklungsschritte ihres Kindes ein. Diese Gespräche werden individuell mit den Eltern vereinbart und finden außerhalb des Gruppengeschehens statt. Als Grundlage dienen die „Lerngeschichten“. Ergänzend erfolgt eine fachliche Einschätzung der Entwicklung des Kindes in den einzelnen Bildungsbereichen sowie die gemeinsame Besprechung geeigneter Fördermöglichkeiten. Grundsätzlich steht das Kind im Mittelpunkt des Gesprächs – seine Stärken, Interessen, sein Wohlbefinden sowie seine Engagiertheit in Spielsituationen, bei Ausflügen und im Kontakt mit anderen Kindern und Erwachsenen.
Zweimal im Jahr finden Elternabende statt. Dort besprechen wir aktuelle Themen aus der Gruppe, klären Fragen und berichten über unsere Projekte. Darüber hinaus haben wir bereits Themenelternabende zu kindlichen Bildungsprozessen sowie zu Erziehungsfragen angeboten, die sich aus dem täglichen Zusammenleben mit Kindern ergeben.
Vorbereitung auf die Schule
Die „Vor-Schule“ beginnt in unserem Kinderladen mit der Aufnahme des Kindes in unsere Einrichtung und endet mit dem Übergang in die Grundschule. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse verstehen wir Bildung als einen ganzheitlichen und fortlaufenden Entwicklungsprozess, der nicht erst mit dem Schuleintritt beginnt, sondern bereits in der frühen Kindheit von großer Bedeutung ist. Das Erlernen sozialer Kompetenzen spielt dabei eine zentrale Rolle. Gute Kommunikationsfähigkeit, Empathie, Konfliktfähigkeit, kooperatives Arbeiten in der Gruppe, gegenseitige Unterstützung ein respektvoller Umgang miteinander sowie die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen und sich in unterschiedlichen sozialen Situationen zurechtzufinden, sind wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Schulstart und das weitere Leben. Darüber hinaus wird das Selbstbewusstsein der Kinder durch gezielte Aufgabenstellungen, die Erweiterung ihres Spielradius und die Förderung ihres Verantwortungsbewusstseins gestärkt. Im Rahmen der Altersmischung werden soziale Kompetenzen wie Hilfsbereitschaft, Gemeinschaftsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein gezielt gefördert. Durch die Projektarbeit ermöglichen wir den Kindern, verschiedene Bildungsbereiche wie Naturwissenschaft, Technik, soziales und kulturelles Leben, Mathematik sowie Kunst kennenzulernen, zu begreifen und auszuprobieren. Durch Vorlesen, Geschichtenerzählen, Singen sowie das Ausdrücken von Erlebnissen, Gefühlen und Bedürfnissen fördern wir die Sprachentwicklung und die Kommunikationskompetenz der Kinder. Auch Gedichte und Reime tragen dazu bei. Wir vertrauen den Kindern, dokumentieren ihre Lernschritte, ermöglichen ihnen, Fehler zu machen, und unterstützen sie dabei, aus diesen Erfahrungen zu lernen. Darüber hinaus entwickeln wir Ablösungsrituale und besuchen gemeinsam mit den zukünftigen Schulkindern ihre Schulen. Auf diese Weise ermöglichen wir einen sanften Übergang in den neuen Lebensabschnitt.
Tagesablauf (8.00 – 16.00 Uhr)
| Zeit | Aktion |
|---|---|
| 8.00 – 8.50 Uhr | >1. Bringzeit (damit die Kinder in Ruhe ankommen können) |
| 9:00 | Frühstück |
| 9:30 | 2. Bringzeit |
| 9:35 - ca 10:00 | Morgenkreis |
| 10:00 | Letzte Bringzeit |
| 10:00 | Freispiel drinnen/ draußen + Projektarbeit |
| 12:00 | Mittagessen |
| 13:00 - 14:00 | Ruhepause |
| 14:30 | Nachmittagssnack |
| Ab 15:00 | Freispiel drinnen/ draußen + Fertigstellen begonnener Arbeiten |
| Bis 15:50-16:00 | Abholzeit |
| 16:00 | Der Kinderladen ist geschlossen |
Während der Bring- und Abholzeiten legen wir großen Wert auf die individuelle Begrüßung und Verabschiedung jedes Kindes gemeinsam mit seinem Elternteil. Dabei nehmen wir uns Zeit für einen kurzen Austausch mit den Eltern über wichtige Ereignisse, besondere Begebenheiten sowie das Befinden des Kindes – sowohl zu Hause als auch im Kinderladen.
Bei der regelmäßigen Gestaltung unseres Tagesablaufs ist es uns wichtig, dass die Kinder eine verlässliche Struktur erleben und diese annehmen können. Sie gibt ihnen Sicherheit und Orientierung im täglichen Miteinander. Daher ist es uns besonderswichtig, dass vereinbarte Zeiten möglichst eingehalten werden. Es ist schade, wenn eine bereits entstandene ruhige und konzentrierte Atmosphäre durch verspätetes Ankommen gestört wird.
Ausblick
Unsere Konzeption soll als Leitfaden dienen und euch einen ersten Einblick in unsere pädagogische Arbeit geben. Sie soll dabei helfen einzuschätzen, ob ihr euch eine Zusammenarbeit mit uns vorstellen können.
Eine Konzeption ist jedoch niemals endgültig abgeschlossen. Sie entwickelt sich – ebenso wie wir, die Kinder und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen – kontinuierlich weiter.
Aktualisierte Version September 2026